Neue Ansätze zur Vererbung von Herzinfarkt gefunden
Einem internationalen Forscherteam,
darunter Wissenschaftlern des Helmholtz Zentrums München, ist es
gelungen, neue Genvarianten zu identifizieren, die mit einem erhöhten
Herzinfarktrisiko verbunden sind. Die gefundenen Gene und die zugrunde
liegenden Mechanismen bieten völlig neue Ansätze, die Vererbungsmuster
beim Herzinfarkt zu verstehen und Therapiemöglichkeiten zu entwickeln.
Ein wesentliches Ergebnis einer der Untersuchungen ist zudem, dass bei
Menschen, die nicht nur einen, sondern mehrere der genetischen Marker
in sich tragen, die Herzinfarktwahrscheinlichkeit mehr als verdoppelt
ist. Mehrere Arbeiten dazu sind nun online in der renommierten
Fachzeitschrift Nature Genetics publiziert worden.
Unter Koordination der Universität zu Lübeck ist es deutschen,
europäischen und amerikanischen Kollegen in drei groß angelegten
Studien gelungen, neue Gene für den Herzinfarkt zu entdecken. Das
Helmholtz Zentrum München war mit seinen Instituten für Epidemiologie
(Leitung: Prof. Dr. Dr. H. Erich Wichmann) und für Humangenetik
(Leitung: Prof. Dr. Thomas Meitinger) beteiligt. Die Helmholtz-
Wissenschaftler hatten bei Tausenden Patienten das gesamte menschliche
Genom mit Hunderttausenden genetischer Marker abgesucht. Sie hatten
sowohl Herzinfarkt-Patienten aus der KORA-Studie (Leitung: Dr.
Christine Meisinger) als auch gesunde Kontrollen aus der Bevölkerung
in die Studien eingebunden.
"Die Herausforderung für die Zukunft liegt für uns nun darin, das
Wissen über vererbliche Faktoren und Lebensstilfaktoren zu
integrieren, um eine wirkungsvolle Vorsorge für die Bevölkerung
etablieren zu können", sagte Prof. Dr. Annette Peters,
Arbeitsgruppenleiterin am Helmholtz Zentrum München.
Die erste der drei Arbeiten untersuchte eine Million genetischer
Marker bei 1.200 Patienten mit Herzinfarkt und einer gleich großen
Anzahl von gesunden Probanden. Die nachgeschalteten
Kontrolluntersuchungen an weiteren 25.000 Patienten und gesunden
Personen bestätigten den initialen Verdacht: Auf den Chromosomen 3 und
12 sitzen Gene, deren Varianten den Herzinfarkt verursachen können.
Bei einem dieser Gene, dem so genannten MRAS-Gen, wird vermutet, dass
es eine wichtige Rolle in der Gefäßbiologie einnimmt. Beim zweiten
Gen, dem HNF1A-Gen, besteht eine enge Beziehung zum
Cholesterinstoffwechsel.
Das besondere Element der zweiten Arbeit liegt darin, dass sie nicht
nur einzelne genetische Marker bezüglich ihres Einflusses auf das
Herzinfarktrisiko untersucht hat, sondern auch Haplotypen, also
Kombinationen aus bis zu zehn benachbarten Markern. Damit lässt sich
eine noch höhere Dichte der genetischen Information ableiten, als dies
für einzelne Marker der Fall ist. So konnten die Wissenschaftler eine
weitere Region, diesmal lokalisiert auf dem Chromosom 6,
identifizieren, welche mit dem Herzinfarktrisiko vergesellschaftet
ist. Das dort lokalisierte LPA-Gen reguliert die Konzentration eines
bestimmten Lipoproteins - ein Partikel, das im Blut Fette wie
beispielsweise das Lipoprotein (a) transportiert. Auch dieses Wissen
lässt sich möglicherweise zukünftig für neue therapeutische
Interventionen nutzen.
Die dritte Arbeit, die im Namen des Myocardial Infarction Genetics
Consortium (MIGen) veröffentlicht wird, konnte drei weitere, bislang
unbekannte Herzinfarktgene auf den Chromosomen 2, 6 und 21
identifizieren. Die Arbeit zeigt darüber hinaus, dass bei Menschen,
die nicht nur einen, sondern mehrere der genetischen Marker in sich
tragen, die Herzinfarktwahrscheinlichkeit mehr als verdoppelt ist. Je
höher die Anzahl der jetzt identifizierten Krankheitsgene, umso höher
war das Krankheitsrisiko. Dieses Wissen wird zukünftig helfen, das
Herzinfarktrisiko zu bestimmen, um frühzeitig präventiv tätig zu
werden.
Jedes Jahr sterben in Europa rund 750.000 Menschen an einem
Herzinfarkt. Die zugrunde liegende Atherosklerose der
Herzkranzarterien und der Herzinfarkt gehören damit in Deutschland zu
den mit Abstand häufigsten Todesursachen. Neben traditionellen
Risikofaktoren wie Alter, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen,
Diabetes mellitus, Zigarettenrauchen und Übergewicht spielen
vererbbare Risikofaktoren eine erhebliche Rolle bei der Entstehung der
Erkrankung.
Nun wurden neue bedeutsame Puzzlesteine in das nur unvollständig
vorliegende Bild der Vererbung des Herzinfarktes gefunden. Die Befunde
weisen daraufhin, dass es noch viele unentdeckte Mechanismen gibt, die
zur Entstehung von Herzinfarkten beitragen können. Neue Mechanismen
bedeuten aber auch neue Ansätze für die Prophylaxe und Behandlung des
Herzinfarktes. Die Details herauszuarbeiten steht den Forschern nun
bevor.
Originalpublikationen:
1) Erdmann J et al. Welcome Trust Case Control Consortium,
Cardiogenics Consortium, Deloukas P, Thompson JR, Ziegler A, Samani NJ
& Schunkert H. New susceptibility locus for coronary artery disease on
chromosome 3q22.3. Nature Genetics (online publiziert; DOI:
10.1038/ng.307).
2) Trégouët DA et al. Genome-wide haplotype association study
identifies the SLC22A3-LPAL2-LPA gene cluster as a risk locus for
coronary artery disease. Nature Genetics (online publiziert; DOI: doi:
10.1038/ng.314).
3) MIGen Consortium. Genome-wide association of early-onset myocardial
infarction with single nucleotide polymorphisms and copy number
variants. Nature Genetics (online publiziert DOI: doi:
10.1038/ng.327).
Für weitere Informationen:
Prof. Dr. Dr. H.-Erich Wichmann
Helmholtz Zentrum München, Institut für Epidemiologie
Tel. 089/3187-4066
e-Mail: <wichmann@helmholtz-muenchen.de>
Prof. Dr. Annette Peters
Helmholtz Zentrum München, Institut für Epidemiologie
e-Mail: <peters@helmholtz-muenchen.de>
PD Dr. Christine Meisinger
Helmholtz Zentrum München, KORA-Studienzentrum
e-Mail: <christa.meisinger@helmholtz-muenchen.de>
Informationsdienst Wissenschaft - idw - Pressemitteilung
Helmholtz Zentrum München - Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit
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